Abschied

Zart strich sie ihm über die Hand. Noch vor wenigen Monaten war alles anders gewesen. In der Fensterbank blinkte ein Tannenbaum – rot grün rot grün. Echte Kerzen waren nicht erlaubt, die Brandgefahr war zu groß. Wie viel hatten sie gemeinsam erlebt. 65 Jahre Ehe, die Nachkriegszeit und eine lange Arbeitslosigkeit. Kleinere Ehekrisen als es sich herausstellte, dass sie niemals Kinder bekommen würden, aber sie hatten es überstanden.

Dann wie aus heiterem Himmel veränderte sich alles. Die Demenz wuchs täglich und die braunen Augen wurden trüber. Oft erkannte er sie nicht und ihre Verzweiflung war grenzenlos. Sicherlich hatten sie Freunde, aber diese Intimität zwischen Eheleuten kann das nicht ersetzten. Sie hätte ihn gebraucht, aber er lebte in seiner Welt, zu der niemand zutritt hatte.

Sie konnte seinen Puls spüren, manchmal setzte er aus und jedes Mal holte sie tief Luft, aber dann schlug er wieder regelmäßig. Seine Augen waren geschlossen, die Brust hob und senkte sich. Vor 6 Monaten hatte sie sich entschlossen in eine Seniorenresidenz umzuziehen. Aus einem Wir war ein Ich geworden. Entscheidungen fällte sie allein. Sie schaffte es nicht mehr. Er war wie ein Kind und ihre Kraft neigte sich dem Ende entgegen, so wie sein Leben, das er bald in Gottes Hände legen würde. Sie waren nie religiös gewesen, aber wie so oft denkt man in der letzten Lebensphase darüber nach. Vielleicht ist doch etwas daran, es ist tröstend zu wissen, dass nach dem Tod nicht alles  vorbei ist.

Draußen war es ganz dunkel geworden und der blinkende Tannenbaum wirkte unwirklich. Plastikgrün, sie schüttelte den Kopf. In ihrem Haus hatte es so etwas nie gegeben. In ihrer Freizeit hielt sie das Haus und den Garten in Schuss. Zweimal im Jahr fuhren sie in den Urlaub. Seit 20 Jahren waren sie im Ruhestand – es ging ihnen gut.

Ganz schleichend hatte es angefangen, leichte Vergesslichkeit, die belächelt wird. Aber es wurde schlimmer und schlimmer. Die Nacht wurde zum Tag und die Türen mussten abgeschlossen werden. Sie war 85 Jahre alt, ihre Kraft war verbraucht.

Auf dem Flur hörte sie leise gespielte Weihnachtslieder. Es war Heiligabend, aber in diesem Jahr ging dieses Fest an ihrer Tür vorbei. In der großen Halle gab es eine Weihnachtsfeier und einen großen Baum, aber allein wollte sie nicht hingehen, außerdem gehörten die letzten Stunden ihm. Sie hatte ihn immer geliebt, aus einer großen Leidenschaft war mit den Jahren eine kleine geworden, aber noch immer schaute sie ihn gern an. Es war eine gute Ehe gewesen. Man denkt nicht gern an das Ende, aber es lauerte in jeder Zimmerecke. Ihr war als wenn der blinkende Baum ihr zurief – vorbei vorbei vorbei.

Er war nicht mehr aufgewacht und der Arzt hatte ihr gesagt, dass es bald so weit wäre. Natürlich hatte sie es gewusst, aber es tat weh. Wo würde er hingehen? Wo blieb das was ihn ausmachte?

Alle waren freundlich hier, sie wurden verwöhnt, aber das Gefühl in einer Sackgasse zu sein, setzte ihr zu.

Sie spürte seine Unruhe und so legte sich eng neben ihn, umschlang ihn ganz fest. Ihre Wange berührte seine. Draußen läuteten die Glocken einen neuen Tag ein und hier im Zimmer neigte sich ein langes Leben dem Ende entgegen.

Sie würde loslassen, er wollte gehen. "Memento Mori" diese Worte waren ihr nie so klar gewesen wie in diesem Moment.

Weit öffnete sie die Fensterflügel. Totenwache sind kostbare Stunden und sie wird sie mit ihm verbringen.

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